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Jan mit Chris und Andrew aus "Believe That"

Wie mich Tischtennis in ein englisches Gefängnis brachte – Zu Besuch beim Brighton Table Tennis Club

Keine 24 Stunden nach meiner Ankunft in England befinde ich mich an einem Ort, an dem ich nie sein wollte: im Gefängnis. Ich muss zwangsläufig an Boris Becker denken. Doch im Gegensatz zu ihm und den hiesigen Insassen habe ich die Gewissheit in zwei Stunden wieder ein freier Mann zu sein. Ich bin freiwillig hier, um Tischtennis zu spielen. Während ich in der Sporthalle auf meine Mitspieler warte, wird eine Gruppe von rund 40 Häftlingen in ihre Zellen zurückgeführt. Mich überkommt ein leicht mulmiges Gefühls. Als sie meine beiden Begleiterinnen vom Brighton Table Tennis Club (BTTC) erblicken, zeichnet sich ein Lächeln in vielen Gesichtern ab. Auch unsere 12 Spieler sind Teil der Gruppe und bleiben in der Halle. Sie kennen Teresa und Digna bereits aus vorherigen Trainingseinheiten, schätzen und respektieren sie. Teresa stammt aus einer Tischtennisfamilie und spielt selbst auf hohem Niveau. Die rüstige Digna kommt ursprünglich aus Chile. Sie hat im vergangenen Jahr bei den Tischtennis-Weltmeisterschaften für Menschen mit Parkinson in Berlin eine Medaille gewonnen und ist die wohl liebenswürdigste Person, die ich je getroffen habe.

Es dauert daher nur wenige Minuten bis aus den harten Jungs wieder kleine Kinder werden. Auch wenn der Wettbewerbsgedanke und die Gefängnishierarchie spürbar sind, die überwiegend jungen Männer genießen die Abwechslung zum harten und tristen Gefängnisalltag. Sie haben sichtlich Spaß an den Übungen und sind lernwillig. Ich habe keine Kenntnis darüber, aus welchen Gründen sie hier sind und möchte es auch nicht wissen. In diesen Stunden sind wir alle gleich. Uns verbindet der Sport und es trennt uns lediglich das Netz. Dieser Austausch bedeutet für alle Beteiligten einen unbezahlbaren Mehrwert und dient zudem als Brücke zur Resozialisierung. Nach der Freilassung ist der BTTC eine Option als erste Anlaufstelle für Orientierung und Halt. Diese Arbeit mit Gefängnissen ist nur eines der vielen sozialen Projekte, die den Club einzigartig machen.

„Believe That“ war ein weiteres Projekt des Vereins und der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Der beeindruckende Kurzfilm des jungen Filmemachers und BTTC-Mitglied Caleb Yule hat mich vor zwei Jahren auf den Club aufmerksam gemacht und mich in Kontakt zu Clubmitbegründer Tim Holtam und weitere Mitgliedern treten lassen. Der bewegende Film begleitet die Spieler Andrew, Chris und Harry zu den Tischtennis-Europameisterschaften für Spieler/innen mit Down Syndrom. Ich freue mich riesig als ich alle drei während meines Aufenthalts persönlich kennenlernen darf. Harry fordert mich umgehend zu einer Partie heraus. Er erzählt mir und allen anderen immer wieder voller Stolz, dass er die Nummer 1 im Vereinigten Königreich unter den Spielern mit Down Syndrom ist. Zudem ist er weltweit der erste Trainer mit Down Syndrom. Harry sorgt auch dafür, dass mein Gastgeschenk – ein TSG Steinheim Trikot mit meinem Namen – neben den Trikots seiner weiteren „Tischtennis-Helden“ in der Halle feierlich aufgehängt wird. Die entgegengebrachte Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit erfüllt mich mit Stolz, auch wenn ich rein sportlich Welten von meinen neuen „Profi-Trikotnachbarn“ entfernt bin.

Mit Nick Kreel fahre ich in einen der Parks von Brighton. Dort sowie an anderen Orten in Brighton wie z.B. an der Strandpromenade stehen diverse Outdoorplatten. Auch hier ist der BTTC zu festen Zeiten aktiv und stellt Schläger und Bälle. Das Angebot gilt primär für Menschen, die ansonsten keinen Zugang zu diesem Sport oder anderen kulturellen Einrichtungen hätten. Neben dem Training im Gefängnis setzt sich auch dieser Besuch nachhaltig in meinem Gedächtnis fest. Es sind Erfahrungen, die ich sonst vermutlich nie gemacht hätte.

Im eigentlichen Vereinssitz und Spiellokal, dem Fitzherbert’s Community Center, bietet der BTTC diverse Trainingseinheiten an: Tischtennis für Alle, Tischtennis für Menschen mit Behinderung, Ü50-Trainings sowie diverse Jugend- und Erwachsenentrainings u.v.m… Darüber hinaus hat der Verein eine vereinseigene Liga mit mehreren Klassen gegründet, um den Wettbewerbsgedanken auch außerhalb des normalen Ligenbetriebes hochzuhalten. Und dann gibt es noch das allgegenwärtige BTTC AllStars. Gefühlt jedes Mitglied macht auf der Jagd nach den begehrten T-Shirts mit. Das Prinzip ist simpel. Einmalig kostenlos registriert, können Mitglieder an jedem beliebigen Ort, mit beliebigem Schlägermaterial Spiele gegeneinander austragen. Ob Trainings- oder Ligaspiel oder eine Runde auf der Miniplatte oder mit dem Vesperbrettle, alle Spiele zählen. Die Ergebnisse werden zentral registriert und als Belohnung warten die T-Shirts. Das Besondere daran, diese werden gestaffelt nach der Anzahl der absolvierten Spiele vergeben und nicht nach Siegen.

Möglichkeiten Spiele im Club zu absolvieren gibt es von montags bis sonntags. Der BTTC hat die Räumlichkeiten gemietet und muss sich nicht mit anderen Vereinen absprechen. Die Gegebenheiten sind für unsere Verhältnisse allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Wer ausladende Schulsporthallen gewohnt ist, muss sich zwangsläufig umstellen. Der Platz ist beengt, die Deckenhöhe lässt keine ausufernde Ballonabwehr zu. Zwei Pfeiler sorgen in einem der beiden Spielräume für zusätzliche Herausforderungen und auch der alte und harte Parkettboden ist alles andere als gelenkschonend. Doch vermutlich macht gerade dieses Umfeld den Charme und den Reiz des Clubs so einzigartig. Den sportlichen Erfolgen des Clubs scheint es zumindest nichts auszumachen. Spieler/innen jeglichen Alters sind englandweit erfolgreich.

Zu gewissen Zeiten wird der Nebenraum geschlossen. Statt drei steht dort dann nur noch eine Platte, um den notwendigen Platz für das Training von Will Bayley zu ermöglichen. Der mehrfache Paralympicsmedaillengewinner und -sieger von 2016 hat vor einigen Jahren den Weg zum BTTC gefunden. Seither trainiert er hier akribisch auf sein nächstes großes Ziel hin: die Paralympics 2024 in Paris. Will ist in ganz England unter anderem durch diverse Auftritte in TV-Shows bekannt. Er ist eine Lichtgestalt mit einer unfassbar positiven und motivierenden Ausstrahlung und Vorbild für alle im Verein. Auch mit ihm stand ich bereits vorher in Kontakt. Unsere Begrüßung fällt entsprechend herzlich aus. Seine Freude ist groß als ich ihm als Geschenk einen Plüsch-„Steppi“ überreiche, der ihm in Paris als Glücksbringer dienen soll.

Am letzten Tag vor meiner Abreise kommt der gesamte Verein zu einem Clubfoto zusammen. Es wuselt im gesamten Gebäude sowie in dem kleinen Park vor dem Club, in dem das Foto gemacht wird. Im Anschluss kommen alle zusammen, um ein eigens umgedichtetes Lied zu Ehren von Clubmitbegründer und Trainer Wen Wei Xu zu singen. Dieser hatte kürzlich einen Tischtennisweltrekord gebrochen. Die Musik kommt nicht vom Band, sondern wird stilecht live von Clubmitgliedern gespielt. Wir anderen singen mit. Beim Anblick von Wen Wei kämpfe ich gegen die Tränen. Ich habe mich in den Tagen zuvor lange mit ihm unterhalten und weiß, wieviel ihm das heute bedeutet, auch wenn es ihm in diesem Moment sichtlich schwerfällt im Mittelpunkt zu stehen.

Rein emotional war dieser Kurztrip einfach überwältigend. Auch sportlich bin ich ans Limit gegangen und habe in dreieinhalb Tagen vermutlich so viel Tischtennis wie sonst in zwei Monaten gespielt sowie etliche Sightseeing-Kilometer abgerissen. Es wird eine Weile brauchen die Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen vollständig zu verarbeiten. Dieser Club zieht einen magisch in seinen Bann und lässt einen nicht mehr los. Der BTTC ist das beste Beispiel dafür, wie der Sport – insbesondere Tischtennis – und die Gemeinschaft das Leben vieler unterschiedlicher Menschen positiv beeinflussen kann. Der Verein ist in dieser Form nicht kopierbar, aber er liefert Inspiration. Ich hoffe daher, dass wir die Idee eines Austauschs umsetzen können, um Interessierten und insbesondere Jugendlichen des TSG Steinheim derartige positive Lebenserfahrungen ermöglichen zu können. Und vielleicht lande ich dann erneut im Gefängnis. Ich würde mich jedenfalls freuen.

Jan Schmauder